St. Petri-Kirche in Berlin-Cölln

Gut behütet

Besuch in der Fördertagesstätte der Berliner St.-Petri-Gemeinde

Aus "Märkische Allgemeine" vom 18.1.1991 von Uta Wilczok

"Stefan kullert Murmeln über schräge Holzbahnen. Sebastian schiebt Puzzleteile über den Tisch. Stefanie spielt still an der Puppenstube. Und Susi beobachtet einfach nur, was die anderen tun. Ruhig und entspannt ist die Atmosphäre zwischen Gymnastik im Garten und Mittagessen...

Vielleicht erwartet man vom Einblick in eine Fördertagesstätte für Kinder mit schweren geistigen Behinderungen etwas anderes - Extreme, wie Toben unter schrillen Lauten oder stumpfsinniges Herumliegen. Gisela Wegemann, Leiterin der Einrichtung der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-Luisenstadt in Berlin-Mitte, nimmt sich viel Zeit, einen „Außenstehenden" mitzunehmen in ihren Alltag.

„Basti, schimpf nicht, lauf. Na, gib dir Mühe!" Sanft, doch bestimmt wird der Junge am weißen Stock vorwärtsgeschoben. Ein Vorzeigekind? Warum nicht, das Laufenkönnen des praktisch blinden Sechsjährigen, Spastiker und geistig behindert, ist ein Erfolg nach zwei Jahre langem  Mühen. Hunderte Tage, tausende Stunden - Physiotherapeutin Christel Thieme hatte es vorausgesagt, damals schon. Und zielstrebig mit ihm gearbeitet... Susi wird gelobt für jedes Anzeichen eigenen Wollens. Die Achtjährige ist seit drei Jahren  in der Sondergruppe, brauchte lange, um zu zeigen, was für Befähigungen in ihr stecken. Sie kann's nur, wenn sie sich wohlfühlt.

Die zu St. Petri kamen und kommen mit ihren Kindern, „die anders sind", wissen um diese Liebe und Mühe. 99 geistig behinderte Mädchen und Jungen betreute die Tagesstätte in der Neuen Grünstraße in den 25 Jahren seit ihrer Eröffnung. 99mal die Chance, mit schweren Schäden Geborenen ein Leben in kindlicher Gemeinschaft, umsorgt und individuell gefördert von erfahrenen Pflegerinnen, zu ermöglichen. 99mal auch die Chance, daß Eltern bei aller Aufopferung für ihr krankes Kind eigene Ansprüche verwirklichen konnten.

Frau Wegemann nennt Stationen der ersten Tagesstätte dieser Art in der ehemaligen DDR: Am Anfang der Beschluß der Gemeinde, den Hilferuf von Ärzten und Eltern zu erhören und Unterbringungsmöglichkeiten für behinderte Kinder zu schaffen. Ein Raum neben dem bereits bestehenden Kindergarten wurde bereitgestellt. Waren es zuerst 5 bis 6 Schützlinge, stieg die Zahl bald. Die „Wartelisten" wurden aber auch dann kaum kürzer, als mit den Jahren andere spezielle Tagesstätten in Ost-Berlin öffneten. So eine weitere der Inneren Mission in Wilhelmsruh. Bekannter, weil von der Obrigkeit mit viel Rummel gefördert, die der Stephanusstiftung. Auch staatliche Einrichtungen gehörten später zum viel zu weitmaschigen Netz, es mangelte immer noch an Plätzen. In den Erinnerungen von Frau Wegemann liegen Bitteres und Ermutigendes eng beieinander. In den ersten Jahren die Arbeit nach dem „Kindergartenschlüssel", das heißt eine Erzieherin für 14 Schwerbehinderte! Erst als Rollstuhlkinder hinzukamen, durfte personell aufgestockt werden.  Spezialausbildung hieß für die meisten Mitarbeiterinnen: Erfahrung - es gab wenig Qualifizierungsmöglichkeiten. Und dazu alles Frauen. Die Kinder müssen gewaschen, manche gefüttert, gewindelt werden. Mit ihnen zu turnen ist schwere Arbeit. David, der zu aggressiven Ausbrüchen gegen sich selbst und die Umwelt. neigt, kann kaum beherrscht werden. Ein Glück, daß sich „Zivi" Andreas jetzt kümmert.

Einblick ins Fotoalbum: Frohe, anstrengende Wochen jedes Jahr im September in Heringsdorf. Das kirchliche Kinderheim „Lug ins Meer“ nahm 1968 die Nichtnormalen auf, als es noch normal war, daß sich Urlauber beim Bürgermeister über diese „Zumutung“ beschwerten. „Du Gott unserer Kinder, komm auch zu den Erwachsenen“, bitten blaue Augen auf einer Spruchkarte der Evangelischen Kirche... Spielzeug für die Tagesstätte und technische Hilfsmittel sind größtenteils Spenden „aus dem Westen“. Dafür war die nahegelegene Mauer doch nicht zu hoch. Der jüngste materielle Segen hatte es nicht so weit, er kam vom Polizeirevier Keibelstraße: HiFi-Technik von Schiebern für Behinderte. Gottes Wege sind eben doch manchmal unergründlich.

Die im Auftrage der Inneren Mission in der Grünstraße Arbeitenden halten sich zugute, daß bei ihnen nie gefragt wurde, paßt ein neues Kind in die Gruppe oder nicht, „lohnt“ sich die Aufnahme hinsichtlich der Förderungsfähigkeit oder gar: Wird zu Hause gebetet? Die Bedürftigkeit und sozialen Bedingungen blieben das Ausschlaggebende. Es wurden mehr und mehr Kinder mit Schwerstbehinderungen aufgenommen. Vor elf Jahren zog man aus dem obersten Stockwerk des Gemeindehauses ins Erdgeschoß. Kostspielige Umbauten der gar nicht dafür vorgesehenen Zimmer waren nötig. Ein Andachtsraum mußte dem dringend nötigen Sanitärbereich weichen.

Daß die Gruppe wuchs und ihre Struktur sich änderte, hatte seine Ursachen jedoch nicht nur im diakonischen Auftrag, dem sich die Kirche und ihre Einrichtungen stellen. Die in der ehemaligen DDR in den 80er Jahren eingeführten neuen Aufnahmeregelungen an Hilfsschulen verschlossen für viele Kinder mit sehr geringer Bildungsfähigkeit die Klassenzimmer auf immer und ewig. Für sie blieben Fördertagesstätten oder Heime bis zum 14. Lebensjahr, dann begann die mühselige Suche nach neuer Unterbringung. Nun gilt nach bundesdeutschem Recht Schulpflicht für alle. Innerhalb kurzer Zeit schon hat sich auf dem Territorium Ostberlins das Angebot für behinderte Kinder rapide erweitert; in Hohenschönhausen, Hellersdorf, Pankow gibt es oder wird es entsprechende gut ausgestattete Sonderschulen geben.

Immer mehr Kindertagesstätten öffnen sich der Integration. Einbeziehung der kleiner werdenden Behindertengruppe mit dem Kindergarten scheint auch hier der gangbare Weg - mit Gottes Hilfe, der der Inneren Mission und der Kommune."

(Die Rechtschreibung folgt den 1991 gültigen Regeln.)