St. Petri-Kirche in Berlin-Cölln

Die Sprengung der letzten St. Petri-Kirche

von Pfarrer i. R. Gerhard Bo├č

Auf dem heutigen Petriplatz erinnert eine Gedenktafel an die wechselvolle Geschichte der St. Petri -Kirche. Als H├╝gel (ÔÇ×KolonÔÇť) hob sich der Petriplatz zu geringer H├Âhe aus seiner flachen, von zwei Spreearmen eingefassten Umgebung empor. Nicht weniger als f├╝nf Petrikirchen nacheinander standen auf demselben Gel├Ąnde.

Mit der Grundsteinlegung am 3.August 1847 begann der Neubau der letzten St. Petri-Kirche. Es war die zweite neugotische Kirche - nach Schinkels Friedrichswerderscher Kirche - in Berlin. Bis 1852 entstand nach Entw├╝rfen des Hofbaurats Professor Johann Heinrich Strack auf dem Petriplatz der neugotische Backsteinbau. Auf dem engen Bauplatz errichtete Strack einen kurzschenkligen Kreuzbau mit vier achteckigen T├╝rmen an den kurzen Querschiffsarmen, einem f├╝nf achtel Chorschluss und einem monumentalen Hauptturm. Dieser stattliche Turmbau von 96 Metern war bis dahin .der h├Âchste Turm der Stadt. Bei diesem modernen Bau erinnerte wenig daran, dass hier einst die ├Ąlteste Kirche C├Âllns stand. Im Inneren ohne raumteilende St├╝tzen erbaut, kamen die Sterngew├Âlbe, das mittlere von 15 Metern Spannweite, besonders gut zur Geltung. Die kurzschenkligen Kreuzarme waren nach au├čen als gotische Giebelfassaden mit flankierenden T├╝rmchen gestaltet. Der Raum von sch├Âner Innenwirkung war 46,60 Meter lang,14,90 Meter breit, 27,14 Meter hoch und bot rund 1500 Sitzpl├Ątze. Die drei Chorfenster wurden 1894 in farbiger Bleiverglasung vom K├Âniglichen Institut f├╝r Glasmalerei angefertigt und zeigten die Oster- und Pfingstgeschichte nach Gem├Ąlden von Albrecht D├╝rer. Die Orgel, erbaut von Carl August Buchholz, geh├Ârte zu einer der gr├Â├čten Orgeln Berlins. Mit vier Manual-Tastaturen sowie 72 Registerz├╝gen und 3379 Pfeifen war das Werk angelegt.

Noch nicht einmal ein Jahrhundert lang ist die Kirche ein Wahrzeichen Berlins gewesen. In den letzten Kriegstagen hatte sich in dem Geb├Ąude eine Einheit der Waffen-SS zum Verteidigungskampf eingerichtet und der Kirchturm diente zur Beobachtung der gegnerischen Truppen.

Die Kirche hatte viele Bombenangriffe auf Berlin ├╝berstanden und wurde nur wenig besch├Ądigt, doch in den Stra├čenk├Ąmpfen um Berlin hat die Kirche schwere Sch├Ąden davongetragen. Durch eine Auflage des Magistrats wurden kostspielige Sicherungsarbeiten am Kirchturm erforderlich, die die Gemeinde auf Jahre hinaus ├╝ber Geb├╝hr belastet h├Ątten.

In einem Protokoll des Gemeindekirchenrates vom September 1951 hei├čt es: ÔÇ×Die voraussichtlich noch lange anhaltende schlechte Finanzlage der St. Petri-Kirchengemeinde erlaubt es dem Gemeindekirchenrat nicht, weiterhin Sicherungs- und Aufbauarbeiten an der St. Petri-Kirche in eigenem Auftrag und auf eigene Kosten vornehmen zu lassen. Sollte das Bauaufsichtsamt die Fortsetzung der Sicherungsarbeiten fordern, m├╝sste aus vorgenannten Gr├╝nden der Gemeindekirchrat von St. Petri eine derartige Auflage ablehnen und der Evangelischen Kirchenleitung die Entscheidung ├╝ber weitere Ma├čnahmen zur Erhaltung der St. Petri-Kirche oder deren Aufgabe ├╝berlassen. Vom gleichen Zeitpunkt ab sieht sich der Gemeindekirchenrat gezwungen, mit dieser Entscheidung auch die Verantwortung und Haftung f├╝r Sch├Ąden durch von der St.Petri-Kirche abst├╝rzende Geb├Ąudeteile der Evangelischen Kirchenleitung zu ├╝bertragen.ÔÇť Nach vielen Erw├Ągungen, nach Gespr├Ąchen mit den Verantwortlichen in der Kirchenleitung wurde die Ruine auf Beschluss des Gemeindekirchenrates und mit Zustimmung der kirchlichen Aufsichtsbeh├Ârde zum Abriss freigegeben. Der Abriss der Ruine begann Mitte Februar 1960. Zun├Ąchst musste die hohe, spitze Eisenkonstruktion abgetragen werden. Im weiteren Verlaufe des Jahres begann man, mit Pressluftbohrern die gewaltigen Steinmassen des Turmes St├╝ck f├╝r St├╝ck abzutragen.

Urspr├╝nglich sollte nicht der ganze Turm auf diese Weise beseitigt werden. Es war geplant, einen Teil des Kirchenschiffs und den Rest des Turmes, der bis zu einer ertr├Ąglichen H├Âhe abgetragen war, gegen Ende des Jahres zu sprengen. Diese Hoffnung war tr├╝gerisch. Es stellte sich heraus, dass gerade neben dem Turm wichtige Versorgungsleitungen entlang liefen, zum Teil nur 0,80 m unter der Erde. Selbst das aufgesch├╝ttete Schuttpolster h├Ątte diese f├╝r die bestehenden Geb├Ąude wichtigen Leitungen nicht gesch├╝tzt. Die Arbeiten wurden daher gegen Ende November abgebrochen.

Erst Ende 1962, am 29. Dezember, erfolgte die erste Gro├čsprengung der Kirchenruine, nachdem man in m├╝hevoller Arbeit den Turm noch weiter abgetragen hatte. Am Sonntag, dem 3. Dezember, wurde im Hinblick auf die wechselvolle Geschichte der Gemeinde ein Gedenkgottesdienst gehalten. Die zweite und letzte gro├če Sprengung erfolgte erst zwei Jahre sp├Ąter, am Sonntag, dem 24. Mai 1964. Nach dem ÔÇ×AnsprengenÔÇť der korinthischen S├Ąulen wurde das Mittelschiff von Sprengladungen zerrissen. Das gro├če Zinkkreuz der Kirche st├╝rzte um 12.45 Uhr mit den Steinmassen in sich zusammen. Die v├Âllige Abr├Ąumung des Kirchplatzes war erst am 1. Oktober 1964 beendet. Der Abriss hat, mit l├Ąngeren Unterbrechungen der Arbeit, ├╝ber vier Jahre gedauert.

Als einige Wochen sp├Ąter auch das Haus Scharrenstrasse 9 a gesprengt werden musste, um Baufreiheit f├╝r den neuen Wohnkomplex zu schaffen, fanden Abrissarbeiter die alte Turmspitze, die nach Propst Reinbeck 1730 nach dem gro├čen Turmbrand in das damals Teilchel'sche Haus gest├╝rzt war. leider ist eine Bergung nicht erfolgt.